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Geschichte und Kultur des islamischen Spaniens

- Vortrag, gehalten am 16.01.1998 von Dr. des. Ralf Ohlhoff -
Im Rahmen der Vortragsreihe
Al-Andalus - Das muslimische Spanien
 
Anfang --- I. Eine Einführung --- II. Historischer Überblick (711 - 1492) --- III. Wirtschaft, Religion und Kultur des Andalus

I. Eine Einführung

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir haben soeben von einem Jubiläum gehört, das es mit nunmehr 250 Jahren arabistischer Forschung in Göttingen 1998 zu feiern gilt.

Ich möchte diese Ausführungen über Geschichte und Kultur des islamischen Spaniens, genannt al-Andalus, mit dem Verweis auf ein anderes, nur wenige Jahre zurückliegendes Gedenkjahr beginnen: Ich meine das Jahr 1992, in dem gefeiert wurde, daß sich die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika zum 500ten Mal jährte. 1492 hatte sich dem europäischen Abendland eine ferne "Neue Welt" geöffnet.

Im Verlauf dieses Vortrages soll deutlich werden, daß die Europäer in eben jenem Jahr zugleich das Tor zu einer anderen Welt verschlossen. Eine Welt, die ihnen ungleich näher - nämlich vor der eigenen Haustür gelegen - war. Was ist gemeint?

Gegen Ende des Jahres 1491 hatte Christoph Kolumbus vom spanischen Königspaar Isabella und Ferdinand nach langem Warten die Erlaubnis erhalten mit spanischen Schiffen nach Westen zu segeln. Zu diesem Zweck weilte Kolumbus eine Zeitlang im Heerlager der Monarchen, das sich nahe der von ihnen belagerten Stadt Granada befand.

Bald darauf im Januar 1492 mußte der Herrscher Granadas die Übermacht der Belagerer anerkennen und kapitulierte. Während Isabella und Ferdinand in den über der Stadt thronenden prächtigen Palast, die Alhambra, welche wir hier an der Wand sehen, Einzug hielten, zog der vormalige Herr Granadas mit seinem Gefolge ab. Auf einem Felsvorsprung soll er sich noch einmal nach seiner Stadt und der Alhambra umgeschaut und einen tiefen Seufzer getan haben, weshalb diese Anhöhe heute den spanischen Namen ‘El suspiro del moro’ (des Mauren (letzter) Seufzer) trägt.

Ein Maure herrschte noch 1492 über eine spanische Stadt? mag mancher sich jetzt fragen. Aber in der Tat stellte die Provinz von Granada die letzte Bastion der im Spanischen moros (Mauren) genannten muslimischen Araber auf der Iberischen Halbinsel dar. Diese hatten in früheren Jahrhunderten den Großteil der Iberischen Halbinsel beherrscht. 1492 endete also die maurisch-islamische Herrschaft in Spanien.

So kann man mit Fug und Recht davon sprechen, daß in jenem Epochenjahr vor Granada welthistorische Weichen gestellt wurden. Da ist auf der einen Seite die Erschließung des amerikanischen Kontinents durch Kolumbus, auf der anderen die Beendigung des Zusammenlebens von Muslimen und Christen, von Mauren und Kastiliern auf diesem Teil europäischen Bodens.

Lassen wir nun endgültig Kolumbus seinen Weg nach Amerika nehmen und wenden uns ganz jener Geschichte der islamischen Herrschaft über Spanien zu, deren Endpunkt wir soeben bereits betrachteten!

Anfang --- I. Eine Einführung --- II. Historischer Überblick (711 - 1492) --- III. Wirtschaft, Religion und Kultur des Andalus

II. Historischer Überblick (711 - 1492)

Ich werde im folgenden zunächst den historischen Rahmen jener islamischen Herrschaft darstellen, um in einem zweiten Schritt das Bild einer überaus facettenreichen und aufscheinenden arabisch-andalusischen Kultur zu zeichnen.

Am Anfang des 7. Jahrhunderts hatte der Prophet Muhammad auf der Arabischen Halbinsel unter dort lebenden arabischen Stämmen die Botschaft des Islams verkündet und ein erstes islamisches Staatswesen gegründet. Die Anhänger der neuen Religion, die Muslime, entwickelten in der Folgezeit einen außergewöhnlichen Expansionsdrang. War bis zum Tod Muhammads im Jahr 632 die Arabische Halbinsel unterworfen, so dehnte sich das islamische Reich unter den ersten Kalifen, die die Nachfolge des Propheten als Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft ausübten, rasch weiter aus. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts reichte die islamische Macht bereits bis an die Grenzen Indiens im Osten und bis an die Atlantikküste Nordafrikas im Westen.

Zu dieser Zeit befand sich auf dem Gebiet der Iberischen Halbinsel das hier seit den Völkerwanderungszeiten bestehende Westgotenreich in einer schweren inneren Krise. Dies blieb offenbar auch den muslimischen Truppenführern nicht verborgen, die an der nordwestafrikanischen Küste im Namen des Kalifen herrschten.

Im Jahr 711 setzte der Offizier Tariq Ibn Ziyad mit 7.000 Soldaten bei die Meerenge zwischen dem afrikanischen und europäischen Kontinent über. Der in das Meer hervorspringende Berg, an dem sie landeten, erhielt später den Namen "Berg des Tariq", arabisch "djabal at-Tariq", woraus sich der heutige spanische Namen dieses Ortes ableitet: Gibraltar.

Der den Invasoren entgegeneilende Westgotenkönig wurde mit seinem Heer geschlagen, und wenig später ergab sich auch Toledo, die damalige Hauptstadt des Reiches. In den folgenden vier Jahren gelangte nahezu die gesamte Halbinsel unter muslimische Herrschaft und wurde Provinz des islamischen Kalifats. Das Land erhielt den Namen ‘al-Andalus’. Aus al-Andalus, das ursprünglich das gesamte islamische Spanien bezeichnete, leitet sich der heutige Name Andalusien ab, der sich nur noch auf die südliche Provinz Spaniens bezieht, den Teil des Landes, der den Mauren als letzter verblieben war.

Die Muslime machten in der Folgezeit auch an den Pyrenäen, der Gebirgskette, welche Spanien vom übrigen Europa trennt, nicht halt, sondern eroberten einige Gebiete im heutigen Südwestfrankreich. Diese Orte dienten ihnen als Stützpunkte für Kriegs- und Beutezüge, die sie von Spanien aus ins Frankenland unternahmen. Die Araber nannten einen solchen Beutezug ins Land der Christen, also der Ungläubigen, ghazwa , wovon sich das deutsche Wort Razzia ableitet.

Auch im Jahr 732 unternahm der muslimische Gouverneur des Andalus mit einem großen Aufgebot eine Razzia in das Gebiet von Bordeaux. Ihm eilte aber der damalige starke Mann des Frankenreiches Karl Martell, der Großvater Karls des Großen, mit Truppen entgegen, so daß es bei Tours und Poitiers zu jener Schlacht kam, in der der Franke die Mauren in die Flucht schlug. Dieser militärische Erfolg wird in den europäischen Geschichtsbüchern gemeinhin als Entscheidungsschlacht bewertet und Karl Martell als Retter des Abendlandes vor einer sonst unausweichlichen muslimischen Eroberung dargestellt. In der muslimischen Überlieferung dagegen wird dem besagten Ereignis wenig Bedeutung zubemessen. Es stellt sich die Frage, welche Sichtweise den historischen Begebenheiten entspricht?

Tatsache ist, daß die Muslime auch nach dieser Niederlage weitere Beutezüge über die Pyrenäen durchführten, also keineswegs endgültig zurückgeworfen waren. Andererseits erlahmte in den folgenden Jahrzehnten ihr Eroberungseifer zunehmend und kam schließlich ganz zum Erliegen.

Also hat man den Kampf bei Tours und Poitiers keineswegs als epochemachende Entscheidungsschlacht anzusehen, zumal die Muslime wahrscheinlich gar nicht auf eine dauerhafte Besetzung, sondern auf Kriegsbeute aus gewesen waren. Allerdings war ihnen durch die Niederlage deutlich geworden, daß ihnen mit den Franken jenseits der Pyrenäen ein ebenbürtiger Gegner entgegenstand, der nicht so leicht wie die Westgoten in Spanien würde zu besiegen sein. Schließlich hat man evtl. auch zu berücksichtigen, daß den von der Arabischen Halbinsel stammenden Arabern, je weiter sie nach Norden vordrangen, das Klima immer unwirklicher erscheinen mußte.

Aus diesem Grund waren sie offenbar auch nicht an einer dauerhaften Besetzung des klimatisch rauhen spanischen Nordens interessiert. Das hatte zur Folge, daß sich auf der Halbinsel nördlich einer Linie, die von den Flüssen Duerro und Ebro gebildet wird, christliche Fürstentümer und Königreiche ausbildeten. Der Großteil Spaniens jedoch geriet dauerhaft unter muslimische Herrschaft. Allerdings bildete ein großes dünn besiedeltes Gebiet zwischen Tajo und Duerro ein Niemandsland, das sich zwischen christliches und muslimisches Territorium als Puffer schob.

Die Hauptstadt des islamischen Andalus wurde Cordoba. Weitere bedeutende Orte waren Sevilla, die Hafenstädte Almería, Denia und Valencia sowie die inländischen Metropolen Badajoz, Toledo und Zaragoza, welche die Zentren der Grenzmarken zu den christlichen Nachbarn bildeten. Später gewann mehr und mehr auch Granada an Bedeutung.

Im Jahr 752 errang in Cordoba die Familie der Omaijaden die Macht und sollte fast 300 Jahre über den Andalus herrschen. Ihr erster Vertreter in Spanien, der Emir Abdarrahman I. hatte aus Damaskus hierher in den Westen fliehen müssen, nachdem die Seinen dort vom Kalifenthron gestürzt worden waren. Er sagte sich von den neuen Kalifen in Bagdad los und machte den Andalus damit zu einem faktisch unabhängigen Staat. Hierbei kam ihm zugute, daß er über ein Gebiet herrschte, das Tausende von Kilometern vom Zentrum des islamischen Reiches und Sitz des Kalifats im Irak entfernt lag. Diese politische Loslösung sollte ihren entscheidenden Anteil an der späteren Ausbildung einer spezifisch andalusisch-arabischen Kultur haben, worauf im folgenden noch einzugehen sein wird.

Seine Blütezeit erreichte der Andalus nach allgemeiner Auffassung unter dem Omaijaden Abdarrahman III. (reg. 912-961). Nachdem er zuvor die nach Eigenständigkeit strebenden Provinzen der Halbinsel mit harter Hand wieder unterworfen und die Christen im Norden in vielen Kämpfen besiegt hatte, wollte er seine Herrschaft dadurch krönen, daß er selbst den Kalifentitel annahm und damit Anspruch auf das höchste islamische Amt erhob. Es gibt Hinweise darauf, daß er sogar plante, durch Agenten und Verbündete im gesamten muslimischen Machtbereich die Herrschaft zu übernehmen. Als sich dieses Vorhaben aber als aussichtslos herausstellte, ging er daran sein Reich im Innern weiter zu konsolidieren und durchschritt damit eine wichtige Etappe hin zu einem politischen und kulturellen Sonderweg des Andalus.

Nach Sturz der Omaijaden und Zusammenbruch des Kalifats von Cordoba im Jahr 1031 zerfiel das islamische Spanien für 50 Jahre in viele kleine Fürstentümer und Stadtstaaten. Diese Epoche, während der es an den vielen Höfen zu einer beachtlichen kulturellen Blüte gekommen war, wurde insbesondere aus Sichtweise der späteren islamischen Geschichtsschreibung als Phase der Dekadenz in den dunkelsten Farben gezeichnet. Denn durch die Zersplitterung war die politische und militärische Macht der Muslime entscheidend geschwächt. Erstmals seit der islamischen Eroberung vor über 300 Jahren sahen die nordspanischen Christen eine Perspektive, ihre untereinander verfeindeten Gegner zu besiegen und zurückzuschlagen. Noch zu Zeiten des mächtigen Kalifats der Omaijaden war von Cordoba aus ein- oder zweimal jährlich ein großes Heer in den Norden aufgebrochen, um den Grenzkampf gegen die Christen zu führen und v.a. reiche Beute zu machen. Eine dauerhafte Eroberung des Nordens stand aber auch damals nicht auf dem Plan; die christlichen Fürsten wurden bei Abzug lediglich zu Tributzahlungen verpflichtet.

Nun aber nach Ende des Kalifats waren die Muslime in der Defensive und wurden ihrerseits zu beträchtlichen Tributzahlungen von einzelnen nordspanischen Fürsten gezwungen. So war ein enormer Geldfluß vom islamischen reichen Süden in den verhältnismäßig armen christlichen Norden zu verzeichnen. Im Grenzgebiet kam es daneben über religiöse Schranken hinweg zu Allianzen christlicher und muslimischer Fürsten gegen andere.

Die in dieser Hinsicht schillerndste historische Figur, die später durch Dichtung und Legenden zum christlich-spanischen Nationalhelden wurde, war der nordspanische Adelige Rodrigo de Vivar, genannt El Cid, der in unserer Zeit für manchen Kino- oder Fernsehschauer das heroische Gesicht Charlton Hestons trägt, dem Darsteller El Cids im gleichnamigen Historienfilm. Der Name Cid stellt die ins Spanische übertragene Form des arabischen Titels "sayyidi" (mein Herr) dar. Dieser Ritter war aber weniger der heldenhafte Kämpfer für Christentum, König und die Einheit Spaniens, als den ihn die Überlieferung beschreibt, sondern eher ein Söldnerführer, der seine Dienste sowohl christlichen als auch muslimischen Fürsten anbot und auf seine eigene Rechnung kämpfte, bis daß er schließlich die Stadt Valencia von den Mauren erobern konnte.

Auf christlicher Seite wurde wohl seit einiger Zeit an eine Wiedergewinnung der gesamten Halbinsel gedacht - eine Idee und Bewegung, die später den Namen Reconquista (Rückeroberung) erhalten sollte. Aber erst im 11. Jahrhundert bedingt durch die angesprochene Verschiebung der Kräfteverhältnisse konnte die Reconquista ihren ersten großen Erfolg verzeichnen: Im Jahr 1085 nahm der König von Kastilien-León Alfonso VI. die bedeutende Stadt Toledo von den Muslimen ein und machte sie bald darauf zur neuen Hauptstadt des christlichen Nordens.

Die vom kastilischen König vorangetriebene Reconquista wurde jedoch bald zum Stillstand gebracht, da die andalusischen Fürsten in ihrer Bedrängnis die militärisch starke Berberdynastie der Almoraviden aus Nordafrika im Kampf gegen die Christen zu Hilfe gerufen hatten. Die Almoraviden bezwangen 1086 Alfonsos Heer und machten den Andalus in der Folgezeit zu einer Provinz ihres Reiches. Auf die Almoraviden folgte im 12. Jahrhundert die Berberdynastie der Almohaden, welche ebenfalls von Nordafrika aus das islamische Spanien beherrschte.

Erst im Jahr 1212 erleiden die Muslime in der Schlacht bei Las Navas de Tolosa ihre nächste entscheidende militärische Niederlage gegen ein vereintes Heer der Nordspanier. Die almohadische Macht bricht zusammen und die Reconquista schreitet weiter voran: 1236 fällt Cordoba an die Kastilier, 1248 Sevilla. Unter muslimischer Herrschaft verbleibt einzig die Region um Granada, wo seit 1230 die Nasriden als letzte islamische Dynastie auf spanischem Boden regieren. Granada, militärisch schwach, aber wirtschaftlich stark, kann sich in den folgenden zweieinhalb Jahrhunderten durch hohe Tributzahlungen seine Existenz im spanischen Machtgefüge bewahren, da es keine ernsthafte Bedrohung für seine Nachbarn darstellt. Am Hof Granadas kommt es zu einer beachtlichen Spätblüte andalusisch-islamischer Kultur, die erst 1492 ihr beschriebenes jähes Ende fand.

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III. Wirtschaft, Religion und Kultur des islamischen Spaniens

Nachdem wir nun gemeinsam durch beinahe 800 Jahre andalusischer - politischer und militärischer - Geschichte geeilt sind, sollen im folgenden wirtschaftliche, religiöse und v.a. kulturelle Aspekte des Andalus betrachtet werden:

Wenden wir uns zunächst den günstigen wirtschaftlichen Gegebenheiten des Andalus zu: Für die landwirtschaftliche Nutzung boten sich die fruchtbaren Böden der Flußtäler, v.a. die des Hauptflusses Guadalqivir sowie die Küstenregionen an. Daneben hatte die Bewässerungstechnik der andalusischen Muslime sowie ihre Kenntnisse in Anbaumethoden höchstes Niveau erreicht und auch wenig günstige Böden ertragreich gemacht. Nur so war es möglich, die geschätzte Bevölkerungszahl von 10 Millionen Menschen zu ernähren. Etwa ein Zehntel der Erträge aus der Landwirtschaft floß in die Staatskasse. Zu Reichtum gelangte der Andalus aber durch seine Exporte: Olivenöl und getrocknete Früchte waren sehr begehrt. Wesentlich einträglicher war aber die Ausfuhr von weiterverarbeiteten Erzeugnissen wie Leder, Keramik, Papier und Stoffen, darunter Seide, die seit der Einführung von Seidenraupen im 8. Jahrhundert produziert wurde. Die Herstellung dieser Artikel, die z.T. in den Bereich der Luxusgüter fielen, beruhte auf Kenntnissen, über die man im übrigen Europa nicht verfügte, was diese Waren so begehrt machte. Entlang der andalusischen Ostküste befanden sich viele Hafenstädte, die durch den Mittelmeerhandel florierten, daneben war Sevilla wichtiger Warenumschlagsplatz. Aber auch mit dem christlichen Norden wurde reger Handel getrieben, wobei man von dort im Wechsel Rohstoffe bezog. Der Wohlstand des islamischen Südens basierte daneben auch auf den jährlichen Beutezügen gegen die Nordspanier und den von diesen gezahlten Tributen, bis sich, wie erwähnt, im 11. Jahrhundert das Blatt wendete und fortan Kapital vom Süden in den Norden floß.

Kommen wir nun zu den religiösen Verhältnissen im Andalus: Die islamischen Eroberungsheere waren in der Frühphase des Islams neben der Aussicht auf Beute von dem göttlichen Auftrag angetrieben worden, den islamischen Machtbereich zu erweitern. Im Gegensatz zur mittelalterlichen christlichen Missionsidee, die den Heiden nur die Wahl zwischen Bekehrung und Tod bot, gewährte der Islam den besiegten Feinden zusätzlich die Möglichkeit, sich zu unterwerfen, die Religion aber - sei sie etwa christlich oder jüdisch - beizubehalten. Diese Vorgehensweise hatte ihren Ursprung in der islamischen Vorstellung, daß Judentum und Christentum in ihren Offenbarungsschriften neben vielen Verfälschungen und Verstellungen der wahren Lehre auch zahlreiche richtige und mit dem Koran in Einklang stehende Inhalte überlieferten, da zu ihnen nach koranischer Aussage einstmals auch die islamische Botschaft ergangen war, die sie dann aber verfälscht hatten.

So kam es dazu, daß nach der islamischen Eroberung Spaniens - wie fast überall im islamischen Reich - zunächst nur die herrschende Schicht aus Muslimen bestand, während der Großteil der Bevölkerung weiterhin christlich blieb. Daneben gab es auf der Iberischen Halbinsel große jüdische Gemeinden, deren Kopfzahl auf einige Hunderttausend geschätzt wird. Gerade die Juden feierten die Muslime als Befreier, da sie sehr unter der westgotischen christlichen Kirche zu leiden gehabt hatten. Nach und nach konvertierten immer mehr der Einwohner zur islamischen Religion der neuen Herren des Landes, da sie sich hieraus Vorteile erhofften oder aber einem indirekten Druck der Machthaber nachgaben. Insbesondere die alte Oberschicht trat zum Islam über und konnte so z.T. ihren alten Einfluß zurückgewinnen. Allerdings verblieb ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung beim alten Glauben; man schätzt, daß erst nach über 300 Jahren muslimischer Herrschaft die Anzahl der Muslime unter den Einwohnern des islamischen Spaniens über 75% stieg.

Auch die nichtmuslimischen Andalusier gingen in der Kultur des Landes auf. Sie wurden bezeichnet als solche, die das Arabertum anstreben: arabisch "musta’ribun" spanisch: Mozarabes. Mit den Arabern waren im 8. Jahrhundert auch viele Berber als deren Hilfstruppen nach Spanien gekommen. Sie stellten ebenfalls ein Element des andalusischen Bevölkerungsgemisches dar.

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts taucht in den Quellen erstmals der Name "Andalusier" zur Bezeichnung der gesamten einheimischen Bevölkerung des islamischen Spaniens auf - gleich welcher Religion oder Abstammung. Dies ist als Indiz für eine zu jenem Zeitpunkt vollzogene beachtenswerte kulturelle und nationale Verschmelzung anzusehen. Diese andalusische Nation - in Anführungsstrichen - kam zu ihrer Identität, indem sie sich von anderen abgrenzte - nämlich von neu ins Land kommenden nordafrikanischen Berbern, oder den nordspanischen Christen. Natürlich standen an der Spitze der Gesellschaft mehrheitlich Muslime arabischer Abstammung. Aber die Nachfahren der vorislamischen Bevölkerung versuchten, diesen Mangel zu beheben, indem sie sich arabische Stammbäume zuschreiben ließen.

Die Möglichkeiten und Grenzen, die sich in dieser Gesellschaft für die Juden boten, werden an einem Beispiel zweier Juden aus Granada deutlich. Diese Stadt hatte nach manchen Schätzungen im 11. Jahrhundert einen jüdischen Bevölkerungsanteil von 50%. Die muslimische Herrscherfamilie des Stadtstaates hatte die Geschicke der Stadt zunehmend in die Hände des Juden Isma’il Ibn Naghrallah gelegt. Jener Mann war Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in Granada und vom Steuerbeamten zum Minister und Heerführer aufgestiegen. Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Yusuf Ibn Naghrallah in den Ämtern nach. Seiner herausgehobenen Stellung in Granada suchte der jüdische Wesir durch ein ehrgeiziges Bauprojekt Ausdruck zu verleihen. Er errichtete sich in exponierter Lage über der Stadt einen Palast, den man - später erweitert und ausgebaut - heute noch in Granada sehen kann: die Alhambra, mit deren Anblick ich diesen Vortrag eingeleitet habe.
Eine derartige Anhäufung und Zurschaustellung weltlicher Macht durch einen Juden, die im christlichen Europa zu jener Zeit absolut undenkbar gewesen wäre, rief auch im Andalus zunehmenden Unmut unter der muslimischen Bevölkerung hervor, so daß es schließlich im Jahr 1065 unter dem Vorwand, er habe eine Verschwörung angezettelt, zum Sturz und zur Ermordung Yusuf Ibn Naghrallah kam. An diese Vorfälle schloß sich ein Pogrom gegen die jüdischen Bevölkerung Granadas anschloß.

Dieser Gewaltakt gegen die jüdischen Mitbürger stellte im islamischen Spanien eine absolute Ausnahme dar, während zu dieser Zeit die Juden beinahe jeder deutschen Stadt unter Gewalt und Vertreibung zu leiden hatten.

Das für den Andalus charakteristische Gemisch verschiedener Rassen, Religionen, Kulturen und Traditionen - freilich stets dominiert vom Islam und Arabertum - benötigte eine lange Zeit bis es zu einem fruchtbaren Nährboden für das Aufblühen von Künsten und Wissenschaften wurde. In den ersten Jahrhunderten islamischer Herrschaft in Spanien hören wir wenig von berühmten Dichtern und Gelehrten. Überwiegend wurden die Strukturen und die Werke des islamischen Ostens, d.h. Syriens, Ägyptens und des Iraks, kopiert. Vom ersten Omaijadenemir Abdarrahman I., der wie, wir schon erfuhren, aus Syrien nach Spanien geflohen war, heißt es, daß er nahe Cordoba eine Palme erblickte, die ihn an ar-Rusafa, den Palast seiner Dynastie im fernen Syrien, erinnerte. In die Nähe der Palme ließ er sich diesen Palast genau nachbauen. Auch verfaßte er einige Zeilen, um seine Sehnsucht zur alten Heimat auszudrücken; diese lauten in leicht freier Übersetzung:

"Ich sah auf einmal in Rusafa eine Palme;

im Westland war sie weit vom Land der Palmen fort.

Ich sprach: Du stehst allein wie ich in fremder Ferne,

vermißt wie ich die Kinder und die Lieben dort.

Gewachsen bist du nicht in deiner Heimaterde,

wie du so bin auch fremd und von zu Hause fort"

Dieser Blick hin zum islamischen Osten sollte für Jahrhunderte die Kultur des Andalus prägen und zugleich die Fruchtbarmachung eigener Geisteskräfte hemmen. Noch gegen Ende des 11. Jahrhunderts schreibt der andalusische Gelehrte Ibn Bassam:

"Wenn in jenen Gegenden (im islamischen Osten) ein Rabe krächzt oder im äußersten Syrien oder im Irak eine Fliege summt, fallen die Andalusier vor diesem wie vor einem Götzen auf die Knie und rezitieren jenes wie ein unumstößliches Buch."

Diese bewußt überspitzt formulierten Worte Ibn Bassams trafen zwar auf das 8. und 9. Jahrhundert zu; jedoch liefert er in einer eigenen Sammlung von andalusisch-arabischen Prosatexten und Gedichten für das 11. Jahrhundert selbst den deutlichen Gegenbeweis. Ausgangspunkt dieser kulturellen Fortentwicklung war zunächst die Hauptstadt Cordoba. Unter dem Kalifen Abdarrahman III. und seinen Nachfolgern war die Stadt zu einer der größten und prächtigsten der Welt geworden, in der nach und nach auch Künste und Wissenschaften aufblühen konnten.

Die Einwohnerzahl Cordobas wird für diese Zeit auf 400.000 - 500.000 hochgerechnet. Die Stadt soll nach Angaben der Geschichtsschreiber und Geographen über 900 öffentliche Badehäuser, etwa 1000 Moscheen, Staßenbeleuchtung sowie weitläufige Versorgung mit fließendem Wasser verfügt haben. Das heute noch zu bewundernde Zeugnis der alten Größe und Schönheit Cordobas ist die ehemalige große Moschee der Stadt, genannt Mezquita. Nach außen zeigt sie sich dem heutigen wie dem damaligen Besucher relativ schmucklos. Einzig einige alte Tore lassen auf die innere Pracht schließen. Betritt man aber die Mezquita verschlägt es einem beinahe den Atem - eine Reaktion die leider durch das folgende Bild nicht hervorgerufen werden kann...Aber zumindest wird uns doch ein Eindruck von der Atmosphäre der Mezquita vermittelt.

Auf einem Wald von über 800 Säulen ruhen die charakteristischen rotweißgestreifen doppelten Rundbögen. Das entstehende Gefühl von Rhythmus, Schwerelosigkeit und unendlicher Weite wird dadurch etwas gestört, daß die ehemals zum Innenhof offene Nordwand in christlicher Zeit geschlossen wurde, wodurch ein mystisches Halbdunkel entsteht, das auch für die mangelnde Qualität dieses Bildes verantwortlich ist. An der Südwand findet sich das künstlerische Meisterwerk der Mezquita, der 961 geschaffene Mihrab, die ehemalige Gebetsnische der Moschee. Von eigens dafür angeworbenen byzantinischen Künstlern wurden diese meisterhaften Mosaike, in denen die Farbe Gold dominiert, angefertigt.
Inmitten der Mezquita aber wurde im 16. Jahrhundert auf Anweisung Karls V. eine christliche Kathedrale errichtet., was von so manchem Besucher als Akt der Barbarei angesehen wird. Als der Monarch später das Ergebnis besichtigte, soll er aber seine Zustimmung bereut haben.
Andererseits würde die Mezquita heute wohl nicht mehr in ihrer jetzigen Pracht bestehen, wenn sie nicht mit einer christlichen Kirche vereint und damit bewahrenswert geworden wäre.

Wir sehen abschließend noch einen Außenanblick auf die Mezquita, der das Ineinander und Gegeneinander von Moschee und Kathedrale noch einmal erahnen läßt. Zu sehen ist außerdem das ehemalige Minarett der Mezquita, das zu einem Glockenturm umgewandelt wurde.

Ein weiteres Relikt in Cordoba aus omaijdischer Zeit ist Palast namens Madinat az-Zahra’, den der Kalif Abdarrahman III. sich vor den Toren der Stadt erbaute; dieser suchte an Prunk und Pomp seinesgleichen. Er stellte eine eigene Stadt dar, denn ein Hofstaat von etwa 25.000 Menschen lebte in seinen Mauern. Heute liegt die Palaststadt in Trümmern und gerade wird der ehemalige Empfangssaal des Kalifen, von dem wir hier einen Ausschnitt sehen, mühevoll restauriert.

Zu einem Zentrum der Wissenschaften wurde Cordoba schließlich durch den Sohn Abdarrahmans al-Hakam II. gemacht: Er lud Gelehrte aus dem islamischen Osten nach Cordoba ein und schuf eine Bibliothek, die 400.000 Bände umfaßte - eine ungeheure Zahl, bedenkt man den damaligen Kosten- und Zeitaufwand, den es zur Papier- und Pergamentherstellung und zum Kopieren eines Buches bedurfte. Die Bibliothek vom Kloster St. Gallen, die zu der damaligen Zeit eine der größten und bedeutendsten Nordeuropas war, verfügte gerade über einen stolz gehüteten Schatz von 600 Büchern. Der Kalif al-Hakam selber soll sich als Historiker Ruhm verdient haben, einige seine Vorgänger und viele andere andalusische Fürsten waren als Dichter tätig, wohingegen es über viele der deutschen Könige und Kaiser dieser Zeit heißt, daß sie weder lesen noch schreiben konnten.

Der Autor Ibn Bassam, der eben noch die kulturell verwerfliche Nachahmung des Ostens kritisiert hatte, lobt an anderer Stelle seines Werkes Cordoba in den höchsten Tönen als Zentrum der andalusischen Künste und Wissenschaften:

"Die Metropole Cordoba ist, seit die Halbinsel erobert wurde, das höchste Ziel, der Platz, an dem die Herrschaftsstandarte aufgepflanzt wird, die Heimat der Wissens- und Verstandesbegabten, das Herz des Landes, die Quelle der hervorströmenden Wissenschaften, das Haus der wahrsten Verstandeskräfte, der Garten der Früchte der Geistesanstrengungen und das Meer der Perlen der Genies. Von ihrem Horizont gingen die Sterne des Landes und die Berühmten des Zeitalters sowie die Meister der Prosa und Poesie auf; in ihr entstanden die glänzenden Schriften und wurden die erhabenen Abfassungen erstellt. Der Grund dafür und für den Vorrang der Bevölkerung dort in alter und neuer Zeit über alle anderen besteht darin, daß ihre cordobesische Region stets Forscher und Suchende in den Disziplinen der Wissenschaft und Literatur umfaßte."

Im Zuge des Zusammenbruchs des Kalifats im Jahr 1031 wurde Cordoba von Kriegen und Umstürzen heimgesucht, so daß viele Gelehrte in die Provinzhauptstädte flohen. Die Folge war nicht etwa ein kultureller Niedergang im Land, sondern die Ausbildung vieler neuer kultureller Metropolen an den Fürstenhöfen von Sevilla und Badajoz, Granada und Zaragoza, Toledo und Almería. In Sevilla regierte im 11. Jahrhundert mit al-Mu’tamid ein Fürst, der sich als bedeutender Dichter einen Namen machen konnte und der als seine Minister und Hofschreiber nur solche Männer akzeptierte, die ebenso über dichterische Talente verfügten. Der Staatshaushalt enthielt daneben einen festen Posten, aus dem die vielen Lobdichter bezahlt wurden, die einzig aus dem Grunde am Hofe von Sevilla weilten, um al-Mu’tamid zu preisen und den Glanz seiner Herrschaft zu mehren.

Andalusien brachte in der Folgezeit viele große Philosophen und Ärzte, Theologen und Mystiker, bedeutende Historiker und Mathematiker sowie begnadete Poeten und Schriftsteller hervor. Von vielen jener Männer wird im Rahmen dieser Vortragsreihe an den nächsten Freitagen noch zu hören sein, weshalb ich mich an dieser Stelle nur auf einige allgemeine Anmerkungen zur besagten Blüte von Kunst und Gelehrsamkeit im islamischen Spanien beschränke.

Im 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts herrschten im Andalus die Berberdynastien der Almoraviden und Almohaden, welche sich eine rigorose Umsetzung der reinen islamischen Lehre auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Deshalb hatten sie die andalusischen Fürsten mit der Begründung abgesetzt, daß sie ein unislamisches Leben führten. Dieses zeigte sich für sie darin, daß an den Höfen Genußsucht und Unkeuschheit herrschten, daß ketzerische Ideen gefördert und überhöhte Steuern erhoben wurden - aber v.a. darin, daß die andalusischen Fürsten nicht mehr in der Lage gewesen waren, ihre muslimischen Untertanen gegen die christlichen Feinde im Norden zu schützen, was sich insbesondere am Verlust der Stadt Toledo im Jahr 1085 niedergeschlagen hatte.

Allerdings konnten auch die berberischen Gouverneure, die in der Folgezeit im Andalus regierten, diesen strengen Kurs nicht beibehalten, sondern lockerten mehr und mehr die Beschränkungen, so daß sich Wissenschaft und Kunst wieder entfalten konnten.

Das deutlichste, heute noch sichtbare Wahrzeichen dieser Epoche stellt die Giralda in Sevilla dar. Das 1184 als Minarett der sevillanischen Hauptmoschee errichtete Bauwerk wurde nach der christlichen Eroberung der Stadt nicht wie die Moschee selbst abgerissen, sondern zum Glockenturm der an dieser Stelle erbauten Kathedrale umgewandelt.

Wir erkennen die Parallele zu Cordoba, wo mit der Mezquita ebenfalls ein herausragendes Beispiel islamischer Architektur in Spanien wohl dadurch bis heute bewahrt blieb, daß es Teil einer Kathedrale wurde.

Aus der Perspektive ihrer hoch entwickelten Kultur erschienen den Andalusiern ihre Nachbarn, die Bewohner der nordspanischen Christenreiche, als unterentwickelt und ungebildet, ja als Barbaren. Einzig ihre Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit wird in den Quellen geachtet und später zunehmend gefürchtet, je mehr Erfolge die Reconquista feierte.

Wie aber gingen die Nordspanier mit den Andalusiern und deren Kultur um, die sie bei der "Zurückeroberung" des Landes vorfanden?

Nach der Einnahme Toledos 1085 wurde den Muslimen und Juden der Stadt erlaubt, ihre Religion zu bewahren und eine gewisse Selbstverwaltung zu praktizieren. Es begann die berühmte liberale Epoche Toledos des Zusammenlebens dreier Religionen unter christlicher Herrschaft. In bedeutenden Übersetzerschulen wurden die wissenschaftlichen Werke der Muslime und auch Juden ins Lateinische übertragen, woraufhin diese Texte im Abendland Disziplinen wie Philosophie, Medizin und Mathematik entscheidend befruchteten und voranbrachten, wovon an den nächsten Freitagen noch zu Reden sein wird.

Die christlichen Herren ließen sich von muslimischen Handwerkern Paläste und Kirchen im andalusischen Stil bauen. Es entstand die sogenannte Mudéjar-Kunst. In Sevilla ließ Pedro der Grausame einen Palast ganz im islamisch-andalusischen Stil errichten. In einem der Räume konnten die muslimischen Handwerker wohl ohne Wissen der Bauherren den verzierten arabischen Schriftzug "Es gibt keinen Gott außer Allah" anbringen.

Aber das Zeitalter des Zusammenlebens in Toledo und anderen eroberten Teilen Spaniens blieb nicht von Dauer. Rigorismus der christlichen Kirche sowie Vorurteile und Mißtrauen gegenüber den religiösen Minderheiten führten zu Verfolgung und schließlich weitgehenden Vertreibung der Juden und Muslime aus Toledo und später aus ganz Spanien. Eine sehr gelungene literarische Verarbeitung der Geschehnisse dieser Umbruchszeit in Toledo bietet der Roman Lion Feuchtwangers, Die Jüdin von Toledo. Feuchtwanger verarbeitet darin den jahrhundertealten, z.T. auf Tatsachen beruhenden spanischen Erzählstoff über die Liebe des kastilischen Königs Alfonso VIII. zur Jüdin Rahel.

Wie oben bereits erwähnt, beschränkte sich der islamische Machtbereich in Spanien vom 13. bis 15. Jahrhundert auf die Region von Granada. Hier fand die islamisch-andalusiche Kultur einen letzten Rückzugsort. Die Dynastie der Nasriden ließ in Granada die einst vom Juden Yusuf Ibn Naghrallah erbaute Burg Alhambra zu einem prächtigen Palast ausbauen und verhalf damit der andalusischen Architektur zu ihrem erhabendsten Monument. Betrachtet man die Anlage wie auf diesem Bild, so wird klar wie sie zu ihrem Namen "Die rote Burg" gelangte. Arabisch heißt "Die rote Burg" "al-qal’a al-hamra’", woraus dann Alhambra wurde. Dem mächtigen Äußeren steht dabei ein graziles und sanftes Innenleben gegenüber.

Als Eindruck davon muß hier ein Blick in den berühmtesten der Höfe der Alhambra, in den Löwenhof genügen.

Jahrhundertelang führte dieses Kulturdenkmal einen Dornröschenschlaf, bis der amerikanische Erzähler und Reisende Washington Irving die Alhambra für sich entdeckte, sie eine Zeitlang bewohnte und schließlich die sich um ihre vergangene Glanzzeit kreisenden Legenden in dem Buch "Erzählungen von der Alhambra" veröffentlichte. Daraufhin brach in Europa eine romantische Begeisterung für Andalusien aus. Durch diese Begeisterung wurde ein Kapitel europäischer Geschichte zurück ins Bewußtsein gerückt, dessen letzte Seite eigentlich im Jahr 1492 geschrieben schien.

Diese Romantisierung mag andererseits auch zu einer Überhöhung und unangemessenen Verherrlichung der religiösen und kulturellen Verhältnisse im Andalus geführt haben, aber Tatsache ist, daß es in Spanien unter muslimischer Herrschaft auf den Gebieten von Kultur und Wissenschaft eine gegenseitige Befruchtung unter den Kulturen und über religiöse Schranken hinweg gab - auch mit dem christlichen Norden.

Anfang --- I. Eine Einführung --- II. Historischer Überblick (711 - 1492) --- III. Wirtschaft, Religion und Kultur des Andalus